Master of Disaster

Freitag, 18. Mai 2012
AUFSCHIEBERITIS UND GEBURTSTAGSKULT

Aufschieberitis ist die Volkskrankheit Nummer eins im Westen. Versuchen wir Menschen (auch Patienten sind Menschen...) zum Handeln aufzufordern, hören wir immer wieder:
„Im Moment geht’s leider nicht, aber wenn die Kinder mal draussen sind, die Restrukturierung vorbei ist, nach dem Wahlkampf, die Prüfungen, wir haben gerade die Handwerker im Haus, wenn dann der Sommer kommt...(2012 offenbar abgesagt)“ Aha.
Warum handeln wir so? Weil wir selbst uns die eigene, sehr endliche Lebensspanne mittels Geburtstagskulte und –rituale dauernd verlängern. Mit zwanzig fanden wir die vierzig Jährigen schon uralt, mit dreissig sind es die Sechzigjährigen, mit vierzig ist achtzig wirklich alt. Mit fünzig wird’s langsam ein bisschen peinlich, obschon wir wissen-schaftlich immer irgendwelche steinalten kretischen Oliven-ölsäufer und bulgarische pro-biotische joghurtfressende Berghirten ausgraben können, die uns beweisen, dass wir noch kaum die Lebensmitte erreicht haben...Mit siebzig ist’s dann vermeintlich eh zu spät. Aus die Maus.
Wie viel Zeit wir aber noch haben, verraten uns die Gene nur rückwärts schauend: Was war bisher in der Familie los? Dies ist nur ein kleiner Teil des Ganzen. Was aber wann mit uns gesundheitlich passieren wird, können wir nicht einmal erahnen. Woraus warten wir also? Auf den tödlichen Hirnschlag beim Skifahren in Russland? Auf dem knapp dem Tod entrinnen und Rettung nur durch mehrfachen Bypass mit Jahrgang 58? Auf die ‚Zufallsdiagnose’ Krebs? Auf den plötzlichen Nervenzusammenbruch, neudeutsch Burnout genannt? (Alles neueste Fälle aus der pers. Umgebung, leider).
Immer mehr Studien zeigen auf, dass nichterfüllte und aufgeschobene (aber durchaus realistische) Wünsche eine ähnlich negative Auswirkung auf unsere Gesundheit haben wie Todesfälle geliebter Menschen, Umzüge gegen den Willen von mehr als 50-100 km, (Kampf)Scheidungen und Arbeitsplatzverlust, also komplett dem Distress (negativer Stress) zugeordnet werden können.
In diesem Sinne: Carpe diem und ein schönes Wochenende. Offenbar weiterhin sommerfrei.

© Dr. med. Marco Caimi

15./16. Juni 2012: SEHF 2012: „Paarlauf“; www.sehf.ch

Montag, 14. Mai 2012
WIE MACHEN SIE DAS ALLES?

Die letzten Wochen hatten es in sich: Anfang Mai erfolgte die Auslieferung der fünften, überarbeiteten Auflage von meinem ersten Buch ‚Die Banalität der Kraft- schonen wir uns zu Tode?“, zwei Tage später diejenige meines neuen Romans „Wenn das Krokodil die Sonne frisst – Sergi Guardiolas zweiter Fall“ mit der Veröffentlichung im Rahmen von ‚Music and Mind’ im Tabourettli. Auch die Blogs gehen wieder weiter. Und die Praxis...
Die mir am meisten gestellte Frage:
„Wie machen Sie das alles? Und dann bleibe Sie auch noch schlank dabei?“

Um vieles zu leisten, gehört Freude am Inhalt der Arbeit an die erste Stelle. Passion. Hat man Spass an den Produkten (in meinem Fall verbesserte oder gelöste Probleme der PatientenInnen, erschaffene Schriftstücke oder Bücher), wird die Arbeit zum Wollen und Dürfen. Ein CEO, der für eine grenzüberschreitende Firma mit tollen Möbeln und wunderbarem Museum in Weil am Rhein tätig ist, hat sogar von „der Gnade seiner Arbeit“ gesprochen. Da hör ich gerne zu.

Trotzdem muss auch die noch so passionierte Arbeit zuerst gemacht sein und keine Tätigkeit ist frei von Ärger und Widerständen: Nicht zahlende Patienten, endlose IV-Berichte, Veränderungen von HR-Einträgen, nicht immer nachvollziehbare Befindlichkeitsstörungen von MitarbeiterInnen sind nur einige davon. Und dann die Konjunktur, die Böse, Böse...

Nebst dem Inhalt der Tätigkeit und damit den geistigen Aspekten muss auch der Körper, die Kathedrale der Seele und des Geistes, in Form sein und bleiben. Daher mache ich nach wie vor an sechs von sieben Tagen mindestens eine körperliche Aktivität, manchmal auch zwei: 2x Krafttraining bei Kieser, 2x Yoga und 5x Laufen oder Schwimmen ist ein normales Wochenprogramm. Dort pflege ich meine Hülle, erhalte jedoch nicht selten während diesen Tätigkeiten meine besten Ideen und Inspirationen, weil dann der Geist frei ist für neue Gedanken, genau wie beim Lesen von Büchern (nicht von Gratiswochenzeitschriften).

Ohne dies wäre mein Pensum als selbständig Erwerbender, was nichts anderes bedeutet, als selber und ständig, unmöglich. Hinzu kommt auch, dass im Tank nicht nur Treibstoff, sondern auch der richtige drin sein muss. Seit 1994 substituiere ich regelmässig unterdotierte oder knapp genügende Mikronährstoffe (Vitamine, Spurenelemente) ebenso wie Omega-3-Fettsäuren und schaue, genügend Eiweiss zu bekommen. Nein, ich esse nicht einfach noch mehr Fleisch. 6000 zerlegte Schweine in der Schweiz pro Tag reichen. Es gibt schmackhafte Shakes, die Schlachthäuser nicht noch mehr beschäftigen und Meere nicht weiter leer fischen. Natürlich kontrolliere ich diese Werte regelmässig durch Blutentnahmen. Vor die Therapie haben die Götter eine Diagnose gesetzt. Und ich lese (etwa 80 Bücher pro Jahr) und besuche Seminare.

Seit zwei Jahrzehnten höre ich aber auch den Satz: „Ich weiss, ich sollte jetzt mal...“ Ja was denn? Sich zu bewegen beginnen? Mal die Muskeln spüren? Mal wieder ein Buch lesen in einem bequemen Stuhl? Ah, ja zappen ist dort eine echte Alternative. Oder an einem Seminar teilnehmen, Neues und neue Menschen kennen lernen, sich austauschen? Alles furchtbar anstrengend, teuer, früher gab’s das doch auch nicht...!

Die Tage sind nun länger – nutzen Sie sie JETZT! Nein? Also dann weiter jammern, denn Jammern hat auch Vorteile: Wer jammert ist nie alleine!

© Dr. med. Marco Caimi

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